Nach der Lektüre dieses Buches wird man Kinder mit anderen Augen sehen!
Die meisten Kinder werden nicht wegen, sondern trotz Erziehung zu normalen Erwachsenen!
Pädagogische Ratgeber gibt es genug. Dieses Buch ist ein Aufruf, Kinder ernst zu nehmen. Zukünftig kann Erziehung nicht mehr von Mythen, Erwartungen und Zielen des Erwachsenen ausgehen, sondern wird am Blick für den Lebens- und Schicksalszusammenhang des individuellen Kindes ansetzen müssen.
Der Autor löst unseren auf »Auffälligkeiten« des Kindes starrenden Blick und lenkt ihn, für Verständnis und Handhabung des Kindes, auf dessen konkrete Lebensumstände, Erfahrungen und Belange.
Wie erleben Trennungskinder, Migrantenkinder, Geschwisterkinder, wie erleben zum Beispiel auch Jungen ihre soziale Umwelt, ihren eigenen Lebenszusammenhang? Auf jeden Fall anders als die Erwachsenen, die diese zum Objekt ihrer pädagogischen Begierde machen. Und wie kann der Erwachsene hören und achten lernen auf dieses Erleben des Kindes?
Das Buch führt zu einer heilsamen Verunsicherung und stellt, was Erziehung sein kann, auf eine völlig neue Grundlage. Dem Leser wird erlebbar: Traditionelle Erziehung hat ausgedient, schon weil sie sich heute _x0096_ zu Recht _x0096_ als erfolglos und kontraproduktiv herausstellt.
Inhalt
Vorwort
Erster Teil: Bilder von Kindheit
Schicksal und Biographie
_x0095_ Ein Kunstwerk entsteht
_x0095_ Wie entsteht Individualität?
_x0095_ Urbild und Abbild
_x0095_ Die besondere Abhängigkeit des Kindes
Die Entdeckung der Kindheit _x0096_ eine historische Skizze
_x0095_ Kindheit im Mittelalter
_x0095_ Schule im Mittelalter
_x0095_ Die Entdeckung und Besetzung des »Kontinents Kindheit«
_x0095_ »Denn von Natur sind alle Kinder zum Bösen geneigt«
_x0095_ Der Matrosenanzug
_x0095_ Die Fünfziger Jahre
Das Bild von Kindheit heute
_x0095_ Das Kind ist Zukunft
_x0095_ Die Sorge um das Kind
_x0095_ Die Hochrechnung
Private Bilder von Kindheit
_x0095_ Kindheit als Survival-Training
_x0095_ Das Kind als Nervensäge
_x0095_ Das Kind als Dummerchen
_x0095_ Das Kind als Student
_x0095_ Das Kind als Naturkatastrophe
_x0095_ Das Kind als Kumpel
Bilder von Kindheit in anderen Kulturen
_x0095_ Die Aborigines
_x0095_ Eskimo
Das »auffällige« Kind
_x0095_ Das »unruhige Kind«
_x0095_ Die dringliche Frage nach der Ursache
_x0095_ Der Kontext der Auffälligkeit
_x0095_ Erziehung oder Therapie
Das Ich des Kindes hören
_x0095_ Schicksal hören
_x0095_ Das »Du« Hören
_x0095_ Was bedeutet Erziehung?
Zweiter Teil: Stationen und Lebenswelten der Kindheit
Innere Gesetzmäßigkeiten in der Biographie des Kindes
_x0095_ Das dritte Lebensjahr
_x0095_ Das fünfte Lebensjahr
_x0095_ Das neunte Lebensjahr
_x0095_ Der Übergang ins dreizehnte Lebensjahr
Pubertät
_x0095_ Ein Elternabend
_x0095_ Ein Geburtsvorgang
_x0095_ Die Herausforderung für die Eltern
Ängste in der Entwicklung
Aggression und Entwicklung
_x0095_ Aggression als Suche nach Grenze
_x0095_ Nachahmung
_x0095_ Der Trotz
_x0095_ Der Harmonieallergiker
_x0095_ Frechheit
_x0095_ Gummierziehung
_x0095_ Aggression zur Wiederherstellung verletzter Grenzen
_x0095_ Spannungsabfuhr
_x0095_ Chronische Aggressivität
_x0095_ Ausgleich statt Strafe
_x0095_ Das angegriffene Kind
Kalte Aggression
Jugendkriminalität oder ein Bild von Jugend
_x0095_ Etwas Statistik
_x0095_ Entstehungs- und Bedeutungszusammenhänge
_x0095_ Die Clique
_x0095_ Das Interesse an Jugendkriminalität
Zwischen den Eltern
_x0095_ Das Kind belastet die Ehe
_x0095_ Das Kind verantwortet nicht die Ehe
_x0095_ Das Kind sucht Nähe und Abgrenzung zugleich
_x0095_ Die unterschiedliche Bedeutung von Vater und Mutter
_x0095_ Geschwister verändern die Beziehungen
_x0095_ Ein anderes Bild
Die Eltern trennen sich
_x0095_ Sieben Fallen
_x0095_ Was ändert sich?
_x0095_ Die Beziehung zu den Elternteilen ändern
_x0095_ Das »auffällige« Trennungskind
_x0095_ Die Führung des Kindes in der Trennung
_x0095_ Die neue Qualität des Ich
_x0095_ Sieben Rechte
Das Kind in der Patchwork-Familie
Das Kind und die alleinerziehende Mutter
Geschwister
Das adoptierte Kind
_x0095_ Motive der Adoption
_x0095_ Verlust der Herkunft
_x0095_ Suche nach Herkunft
_x0095_ Unterstützung durch die Adoptiveltern
_x0095_ Geschichte
Migrantenkinder
_x0095_ Zbginiew
_x0095_ Zwischen den Welten
_x0095_ Belastungen
_x0095_ Interkulturelle Pädagogik
Die Jugendszene am Bahnhof
_x0095_ Die Szene als Organismus
_x0095_ Das Schauspiel
_x0095_ Bedeutung der Szene
_x0095_ Mißtrauen
Mutters Junge
_x0095_ Scham
_x0095_ Jungenspezifische Erziehung
Strafende Erziehung
_x0095_ Zu spät
_x0095_ Zu früh
_x0095_ Maßregelnde Erziehung ist asynchron
_x0095_ Unterstützung statt Strafe
_x0095_ Instanz statt Person
Aus dem Gruselkabinett häuslicher Pädagogik
_x0095_ Das Kind als Erntegut
Vom Objekt zum Subjekt der Kindheit
_x0095_ Orte der Selbstbestimmtheit
_x0095_ Die Bedeutung der Erziehung ist begrenzt
Aus dem Vorwort
Nach 16 Jahren Erziehungsberatung bin ich zu der Auffassung gekommen, dass Kindheit sowohl überschätzt wie unterschätzt wird. Sie wird überschätzt, was ihre kausale Bedeutung für das spätere Erwachsenenleben und die Möglichkeiten prägender Erziehung betrifft. Sie wird unterschätzt, was ihre Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit betrifft. Um dieser Eigenständigkeit Gehör zu verschaffen, halte ich es für sinnvoll, dass wir die Haltungen, Motive und die Bilder von Kindheit hinterfragen, aus denen heraus wir erziehen.
Der Text ist insofern einseitig, weil er aus der Erziehungsberatung hervorgeht, das heißt aus einem Zusammenhang, in dem nur Kinder und Eltern in Erscheinung treten, die untereinander in Schwierigkeiten kommen, die sie meinen, selbst nicht mehr handhaben zu können. Das Bild eigenständigen und eigenberechtigten Erlebens des Kindes, das ich von da entnehme, ist also möglicherweise nicht repräsentativ. Andererseits ist nicht erkennbar, weshalb die Anlässe, die Eltern und Kinder zur Erziehungsberatung führen, grundsätzlich verschieden sein sollten von familiären Gegebenheiten, die nicht bis zur Erziehungsberatung vordringen. Vielmehr dürften jene Anlässe nur wie vergrößert, wie unter dem Mikroskop normale Missverständnisse und Probleme sichtbar werden lassen
Deshalb geht es hier auch nicht um einen Erziehungsratgeber und nicht um ein Kompendium kindlicher Verhaltensauffälligkeiten, sondern um die Hintergründe, aus denen heraus wir erziehen. Mein Bild von Erziehung ist offen. Im Moment scheint mir die Präsenz des Erwachsenen wichtiger als Methoden.
Die Beispiele sind typisiert. Sie sind jeweils zusammengesetzt aus konkreten Beratungsfällen. Ich bin mir im Klaren darüber, dass Typisierungen und Verallgemeinerungen den Einzelfall nie erschöpfend beschreiben, ihm insofern nie gerecht werden, sondern günstigenfalls nur die Funktion haben können, Perspektiven zu eröffnen.
MATHIAS WAIS
Über den Autor:
Mathias Wais,
geboren 1948, studierte Psychologie, Judaistik und Tibetologie in München, Tübingen und Haifa und schloss als Diplompsychologe ab. Eine psycho-analytische Ausbildung und Forschungen folgten.
Er leitet seit 1985 das Dortmunder Zentrum »Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene« und ist Autor zahlreicher Sachbücher. Ausgedehnte Vortrags- und Seminartätigkeit.